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Reiseimpressionen
Während seines einjährigen Aufenthalts in Syrien, Jordanien und im Libanon 2005 berichtete
der Storyguide von seinen Reisen und Entdeckungen im
Haller Blatt; die dazugehörigen
Bilder finden sich in der Galerie.
14. Februar 2005
Ankommen in Syrien
Vor fünfhundert Jahren starb der Haller Händler Peter Heuberger, der fünfzehn Häuser bauen ließ; der Reichtum der Familie ging auf seinen Großvater Peter Ulrich Heuberger zurück, der mehrere Jahre in Damaskus lebte, dort das Kaufmannsgewerbe erlernte und reich wurde. Spaziere ich heute durch die bunten und düftereichen Suqs, die Märkte, wo um Kleider, Schmuck, Gewürze und vieles mehr gefeilscht wird, kann ich mir leicht ausmalen, dass die Damaszener Händler gute Lehrmeister für den Haller waren.
Der Handel ist vor Jahrtausenden so wie Viehzucht und Ackerbau in Syrien sozusagen erfunden worden, denn das vom Mittelmeer bis über den Fluss Euphrat reichende Land gehört zum sogenannten „Fruchtbaren Halbmond“. Dieses Gebiet schließt auch das Heilige Land und Mesopotamien (den heutigen Irak) ein: Dort entstanden vor mindestens fünftausend Jahren die ersten hochentwickelten Städte, in denen Händler die Erzeugnisse von Nomaden, Bauern und Gewerbetreibenden zirkulieren ließen, im Laufe der Zeit auch zwischen Europa und Asien. Ausgrabungen in den syrischen Stadtstaaten haben bemerkenswerte Kunstwerke sowie Tontafelarchive ans Licht gebracht. So konnte ich zum Beispiel das älteste Alphabet der Menschheit bestaunen: rund 3500 Jahre alte Schriftzeichen, auf die auch unsere lateinischen Buchstaben zurückgehen.
Damaskus und die nordsyrische Schwesterstadt Aleppo rittern beide um den Rang, die älteste durchgehend besiedelte Stadt der Welt zu sein. Was Peter Ulrich Heuberger sah, können Reisende heute immer noch bewundern: monumentale römische Bauten, frühchristliche Kirchen, prachtvolle arabische Moscheen und wunderbare Altstadthäuser. Letztere verfallen und träumen zum Teil vor sich hin, lassen in zum Teil restauriertem Zustand aber auch den einstigen Reichtum der Händler erahnen. Hinter verwinkelten Mauern und Erkern plätschern in stillen Höfen Brunnen, leuchten aufwändige Steinverzierungen und bewirken Pflanzen eine angenehme Stimmung.
Muslimische und christliche Familien wohnen hier seit Jahrhunderten friedlich nebeneinander; was 18 Millionen Syrer in ihrer Vielfalt teilen, ist ihre warme Freundlichkeit und reine Hilfsbereitschaft. Die Menschen schmunzeln und lachen viel mit mir, ob jung oder alt, die meisten Gesichter strahlen Freude aus.
Als sich einmal der Prophet Muhammad Damaskus näherte, soll er ausgerufen haben, dass er das Paradies nur einmal betreten wolle, und einen weiten Bogen um die Stadt gemacht haben. Vom Paradies hat sich Damaskus viel bewahrt – es ist aber auch viel verlorengegangen, indem hupenreiche Verkehrstaus, lähmende Korruption und dergleichen die Stadt genauso prägen. Von all dem wird in zukünftigen Berichten zu erzählen sein, von all den Gemeinsamkeiten wie den Unterschieden zu Hall, das der Prophet übrigens auch nie betreten hat ...
28. Februar 2005
Die Kunst des Feilschens
Seit jeher wird Damaskus für die Kunst seiner Handwerker gerühmt. Leuchtender Brokat und Damast (nach Damaskus benannt) werden hergestellt, edle Parfüms und Blumenessenzen werden in feingeschliffenen Gläsern verkauft; Holzintarsienarbeiten, tropffreie (!) Schnabelkannen aus Kupfer oder Edelstahl und vieles mehr lassen das Herz höher schlagen. Manchmal denke ich mir, die ganze Stadt ist ein Suq, ein riesiger Markt aus tausenden und abertausenden kleinen Geschäften. Während es in Österreich kaum noch Greißler gibt, sind sie hier an jedem Eck zu finden.
In alten Zeiten war es üblich, dass die Viertel und Gassen islamischer Städte nach dem jeweiligen Gewerbe eingeteilt waren, wie ja auch die Namen der Gassen in Hall an die räumliche Nähe und die Zünfte der Handwerker erinnern. Rund um die zentrale Moschee befanden sich die hoch angesehenen Gewerbe: Goldschmiede, Buchbinder und Waffenschmiede, in weiterer Folge gab es Textilien, Holzprodukte, Gewürze, Lebensmittel und so weiter. In der Altstadt von Damaskus lässt sich das im Wesentlichen noch gut nachvollziehen; in der Neustadt fehlt die Hierarchie, aber auch hier dominieren viele Branchen noch immer ganze Straßenzüge. Die Geschäfte mit den Satellitenschüsseln reihen sich entlang einer Straße an einem uralten Friedhof – ob da ein innerer Zusammenhang besteht? Das Feilschen wird mir durch diese Konzentration nur erleichert ...
Hier ein paar Faustregeln für das Feilschen:
1. Zuerst in verschiedenen Läden die Preise für das Objekt der Begierde erfragen.
2. Bei dem billigsten Preis davon ausgehen, dass im touristischen Zentrum rund die Hälfte davon oder weniger angemessen ist.
3. Nur wenig Interesse an dem jeweiligen Objekt zeigen, sonst weiß der Händler, dass er es auch teurer verkaufen kann.
4. Beim ersten Preis sofort entsetzt reagieren, eventuell sich gleich umdrehen und verabschieden – der Preis wird garantiert sofort fallen.
5. Selbst einen viel zu niedrigen Preis vorschlagen, sodass frau und man sich beim Handeln irgendwo in der Mitte treffen kann. (Araberinnen handeln übrigens weitaus besser als ihre Männer.)
6. Bei dem Gespräch, das im Laufe des Feilschens entsteht, wird der Händler herauszufinden versuchen, wie erfahren sein Opfer ist: Deshalb nie erzählen, es wäre der erste Besuch in Damaskus, sondern von mehreren Aufenthalten erzählen.
7. Tee oder Kaffee, die angeboten werden, verpflichten nicht zum Kauf und sind immer auch Zeichen der allgemeinen Freude am Gespräch.
8. Kommt der Kauf zustande, wird der Händler gerne beklagen, dass er ein schlechtes Geschäft abgeschlossen habe: Einfach selbst über einen viel zu teuren Kauf klagen und dann gemeinsam lachen ...
Und jetzt auf zum Waltl, Moser, Anker usw. und die Regeln anwenden!
20. April 2005
Damaszener Schönheiten
Wenn ein Haller Denkmalschützer durch die 1979 zum Unesco-Weltkulturerbe erhobene Altstadt von Damaskus spazieren würde, hätte er vermutlich an jeder Ecke einen Herzinfarkt. Putz bröckelt von den Mauern, ein Kabelsalat hängt von den Dächern herunter, Beton und Zubauten schmiegen sich um römische Säulen und farbige Steinquader. Neunzig Prozent der rund 5000 Häuser sind sanierungsbedürftig, erzählt mir der Architekt Beshr al-Barry bei einem Augenschein. Der freundliche junge Syrer, der fließend Englisch und Italienisch spricht, arbeitet mit fünfzig Kollegen für den staatlichen Denkmalschutz und die Altstadtrevitalisierung. Wo wir erscheinen, öffnen sich Türen und gibt es fröhliche Begrüßungen. Der für rund 300 Häuser zuständige Haller wäre von seinem Infarkt sofort genesen, würde er die sanierten Häuser sehen, die Beshr mir zeigt.
Hinter unscheinbaren Fassaden gruppieren sich reich dekorierte Räume um wunderbare Innenhöfe. Meisterhafte Steinverzierungen und Holzarbeiten zeigen die Kunstfertigkeit der Handwerker. Vor allem der sogenannte Iwan blendet mit seiner Pracht: Eine große, fast immer nach Norden orientierte und somit kühle Wandnische lädt unter einem mächtigen Steinbogen und einer bemalten Holzdecke zum Verweilen auf niedrigen Sitzbänken ein; davor plätschert Wasser in einem bunt verzierten Brunnen. Orangen- und Zitronenbäume spenden Schatten und jetzt im Frühling angenehme Düfte.
Es ist ein Paradies, aber ein immer schon kostspielig zu erhaltenes Paradies. Vor hundert Jahren, berichtet Beshr, zogen viele reiche Familien in die Neustadt, wo es elektrischen Strom, mehr Platz und Arbeit gab. Die zurückgebliebenen Familien konnten sich in der Regel keine Instandhaltungen leisten, sie bauten um, Wohnhäuser bekamen Geschäftseinheiten, dadurch wurde manches zerstört und dem Verfall preisgegeben. Die behutsame Zurückführung auf die Pracht und Durchdachtheit des 18. Jahrhunderts (selten auf spätmittelalterlichen Zustand wie in Hall) sucht die Verbindung von Geschichte und Gegenwart: eine ausgewogene Mischung von Wohnen, Handel und Tourismus. Der größte Stolperstein: es gibt für die Sanierung eines Hauses keinerlei Subventionen, die Besitzer müssen die Kosten zur Gänze selbst tragen – von 50.000 bis 500.000 Euro und aufwärts (das Lohn- und Preisniveau liegt in Syrien rund fünf- bis zehnmal unter jenem in österreich). Wer dies vermochte, empfängt Gäste dementsprechend mit Stolz und Freude.
Übrigens: Seit drei Jahren können Ausländer Besitz in der Altstadt erwerben; Kaufpreise: 50.000 bis 70.000 Euro. Beshr freut sich über jeden Leser, der in die Schönheit eines Damaszener Altstadthauses investiert ...
25. Mai 2005
Lebendiger Ort des Gebets
Als Herz der Damaszener Altstadt schlägt die sogenannte Omaijaden-Moschee. Es wird erzählt, ein Gebet in dieser Moschee habe den Wert von dreißigtausend an einem anderen Ort gesprochenen Gebeten. Ob sich Gebete (egal welcher Religion) so aufrechnen lassen, sei dahingestellt; auf jeden Fall gilt Damaskus neben Mekka, Medina und Jerusalem als die viertheiligste Stadt des Islams und ist Ziel zahlloser muslimischer Pilger, seit das prächtige Bauwerk vor 1300 Jahren unter dem Kalifen al-Walid errichtet wurde. Zehn Jahre Bauzeit beanspruchten die gesamten Steuereinnahmen von sieben Jahren – Einnahmen eines Reiches, das sich von Spanien über Nordafrika und den Mittleren Osten bis nach Indien erstreckte und über das die Dynastie der Omaijaden von Damaskus aus herrschte.
Dementsprechend misst der hohe, mit Teppichen ausgelegte Betsaal auch 136 x 37 Meter und leuchteten einst auf allen Fassaden des vorgelagerten Hofes einzigartige Mosaike. Ein beträchtlicher Teil davon ist trotz Erdbeben, Feuer, Mongoleneinfälle und etwas fragwürdiger Restaurierung erhalten geblieben. Er zeigt vor Gold blitzende und grüne Flusslandschaften mit Bäumen, Palästen und Städten (eine seltene Ausnahme des islamischen Bilderverbots). Feine Mosaike trägt auch das auf acht Säulen ruhende Schatzhaus, in dem einst – nur durch eine Leiter erreichbar und durch die Anwesenheit der Gläubigen bewacht – der Staatsschatz aufbewahrt wurde.
Wo heute im Betsaal weit gereiste Besucher staunen, Kinder fröhlich auf und ab laufen, Männer und Frauen beten, zusammensitzen, reden oder sich einfach ausruhen, wurden vor Jahrtausenden semitische Götter, der griechische Zeus und der römische Jupiter angebetet. Vom Tempel des letzteren ist die aus Steinquadern bestehende Schutzmauer, hauptsächlich als Außenmauer der jetzigen Moschee, größtenteils erhalten geblieben. Die Christen widmeten den Tempel in eine Kirche um und weihten sie dem Heiligen Johannes dem Täufer. Dieser zählt im Islam ebenso zu den Propheten, sein Kopf soll sich in dem grün erleuchteten Grab im Betsaal befinden. Ritter Florian Waldauf hätte diese Reliquie wohl auch gerne in seiner Sammlung in der nach ihm benannten Kapelle in der Haller Pfarrkirche aufbewahrt ...
Es wird überliefert, dass Allah vierzig Jahre nach dem Ende der Welt in der Omaijadenmoschee noch weiter angebetet werden wird. Ob Kinder dann auch noch ihre Wettläufe in dem weiten Hof abhalten werden?
2. Juli 2005
Zauberhaftes Maalula
Im Nordwesten von Damaskus erhebt sich eine zerklüftete Gebirgslandschaft, die je nach Tageslicht von sandfarben über hellrot bis violett schimmert und leuchtet. Weniger als eine Stunde entfernt, liegt auf 1700 Meter Seehöhe das zauberhafte Maalula. In dem malerisch unter einem mächtigen Felsen gelegenen Dorf wohnen christliche und muslimische Familien friedlich miteinander, überall ragen Kirchtürme mit Leuchtreklamekreuzen und Minarette mit Lautsprechern empor.
Viele Pilger besuchen das Kloster der heiligen Thekla, das um die Grotte mit dem Grab der Heiligen errichtet wurde. Tafeln, Bilder und abgestellte Krücken erinnern an Wunderheilungen. Der Legende nach wurde die Schülerin des Apostels Paulus vor den Soldaten, die sie verfolgten, gerettet, indem der Felsen sich öffnete und sie schützte. Daran erinnert heute noch die hinter dem Kloster gelegene Schlucht. Wer durch sie wandert, gelangt zu dem die Häuser und die Weite überblickenden Sergiuskloster. Seine – im wahrsten Sinne des Wortes – steinalte Kirche gilt als eine der ältesten in der ursprünglichen Form erhaltenen und noch genutzten Kirchen. Neben wertvollen Ikonen, wie etwa dem aus dem 13. Jahrhundert stammenden Bild des heiligen Sergius (auf rotem Pferd) und des heiligen Bacchus (auf schwarzem Pferd), hält das Kloster feine Weine zur Verkostung bereit.
Die Hauptattraktion ist freilich, dass in Maalula heute noch einer der vielen Dialekte des Aramäischen gesprochen wird, der Muttersprache von Jesus. Das Aramäische war fast tausend Jahre lang die Verwaltungssprache unterschiedlichster Reiche im Nahen und Mittleren Osten, wurde bis nach Indien gesprochen und später erst durch das Arabische abgelöst. Wer in der Kirche das Vaterunser auf Aramäisch gesprochen hört, fühlt ihre wunderbare Atmosphäre und ihren Zauber.
Erstaunlich ist, dass Angehörige vieler Religionen diese Sprache annahmen, Menschen, die an viele Götter glaubten, genauso wie Menschen, die an den einen Gott glaubten. Heute ist es vorwiegend die zu zwei Dritteln christliche Bevölkerung von Maalula, die das Aramäische spricht und erhalten will. Bemerkenswerterweise wird Aramäisch aber auch in zwei muslimischen Nachbardörfern gesprochen, obwohl dort Arabisch zu erwarten wäre. In Maalula wird dazu erzählt: In einem aramäischen Dorf hielt ein Priester seiner Gemeinde ständig ihre Sünden vor und verlangte dafür immer mehr Opfergaben. Endlich ward es den Gläubigen zu viel, sie beschlossen, alle zusammen zum Islam überzutreten. Doch als sie zur Kirche gingen und sie in eine Moschee umwandeln wollten, da rief sie bereits ein Muezzin zum Gebet – es war ihr Priester, der ebenfalls zum Islam übergetreten war und fortan als Imam die neue Gemeinde leitete. Deshalb gibt es Muslime, die Aramäisch sprechen ...
3. August 2005
Das alte Aleppo
Dass Österreich einmal ein riesiges Reich war, merke ich in der nordsyrischen Stadt Aleppo, wo ich Madame Jenny Poche besuche. Sie ist Nachfahrin eines österreichischen Einwanderers aus Böhmen, der vor zweihundert Jahren eine Tochter des letzten venezianischen Konsuls heiratete. Einmal in der Woche empfängt die alte Dame Gäste aus aller Welt in einer der schönsten Wohnungen in der zum Unesco-Weltkulturerbe erhobenen Altstadt. Elegante Holzmöbel, antike Fundstücke und eine Bibliothek erinnern an die k. und k. Zeiten von Jenny Poches Großvater. Dieser besaß den ersten Photoapparat in Aleppo; seine Bilder zeigen, dass der Großteil der Altstadt den mittelalterlichen Anblick bewahrt hat.
Madame Poches Wohnung liegt im ersten Stock eines Khans, eines der vielen großen Häuser, wo um einen Hof Geschäfte, Lagerräume und Unterkünfte für Händler liegen. Von den Fenstern lässt sich ein Stück der rund 12 Kilometer langen Suqs beobachten, der größten und ursprünglichsten orientalischen Märkte, in denen es einfach alles gibt: Gewürze, Nüsse, Seifen, Tücher, Kleider, Schuhe, Möbel, Metallarbeiten, Parfüme, Gold, Schmuck und vieles mehr. Alt und Jung, Städter und Bauern, Frauen und Männer kaufen hier ein, alles ist voller Leben, Farben, Musik und Düften. Viele Handwerker stellen ihre Produkte vor den Augen des Käufers her; manche Händler hängen nur eine Schnur vor ihren Laden, wenn sie kurz, etwa zum Beten in der Moschee, fortgehen.
Hinter den Suqs freilich sind zwei Drittel der Häuser seit langem in sehr desolatem Zustand, meistens von armen Familien bewohnt. Deswegen versucht die Stadtverwaltung von Aleppo mit Hilfe der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit zu retten, was zu retten ist. Bewohner können ihr Haus kostenlos untersuchen lassen und erhalten neben fachlicher Unterstützung auch zinslose Darlehen. Ziel ist neben der Erhaltung der geschützten Bausubstanz die Verbesserung der Lebensqualität einschließlich sozialer und kultureller Einrichtungen, sodass die Altstadt kein Museum wird.
Auf Arabisch heißt Aleppo Halab. Der Name bedeutet „er hat gemolken“ – gemeint ist Abraham, der dort, wo heute über eine steinerne Brücke erreichbar die Zitadelle thront, bereits Milch gemolken haben soll. Seitdem ist die Bevölkerung auf mehr als 3 Millionen Einwohner angewachsen, rund 30 Prozent sind Christen, darunter vor allem armenische Flüchtlinge. Eine armenische Familie gründete vor hundert Jahren das Hotel Baron, in dem berühmte Gäste logierten: Agatha Christie, Theodor Roosevelt, Charles de Gaulle, Königsfamilien, Adelige und Spione. Wer sich abends in der unverändert gebliebenen Bar von einem Stadtspaziergang erholt, kann heute mehr als Abrahams Milch genießen ...
13. Oktober 2005
Die Stadt in der Wüste
Mitten in der sandigen, steinigen und unwirtlichen Wüste liegt eine grüne, wasserreiche Oase mit Obst- und Palmenhainen. Die Araber nannten sie Tadmor, nach Tad, einer Tochter des biblischen Propheten Noah, die Römer zogen den nahe liegenden Namen Palmyra vor. Agatha Christie, die 40-jährig den 26-jährigen Archäologen Max Mallowan heiratete und ihn in den Dreißigern bei monatelangen Ausgrabungen in Syrien begleitete, schrieb über ihren Besuch in Tadmor: „Und dann, nach sieben Stunden eintöniger Glut und Einsamkeit – Palmyra. Wie zauberhaft ist Palmyra, wenn es in seiner zarten, milchigen Schönheit sich wie ein Gebilde unserer Phantasie aus dem heißen Sand erhebt. Es ist lieblich und unwirklich und märchenhaft – der ungreifbare Traum auf einer Bühne mit Höfen, Tempeln, zerfallenen Säulen.“
Lange vor Christi Geburt war Palmyra eine blühende Stadt, berühmt für ihren unermesslichen Reichtum aus Zolleinnahmen, die der florierende Handel zwischen Ost und West einbrachte. Säulenstraßen, Tempel, Bögen und andere in warmen Farben schimmernde Ruinen lassen die ehemalige Pracht hautnah fühlen. Besonders das geheimnisvolle Tal der Gräber birgt in seinen Grabtürmen kostbare Kunstschätze: einzigartige Skulpturen, Reliefs und Wandbilder. In einem Grab wurde auch chinesische Seide gefunden, die damals im Mittelmeerraum noch völlig unbekannt war.
Zenobia, die berühmteste Herrscherin der Stadt, bot sogar den Römern die Stirn, eroberte unter anderem Syrien und Ägypten und nannte sich selbst Kaiserin. Erst als Kaiser Aurelian selbst mit einem Heer anrückte, verlor sie Schlachten und floh aus dem belagerten Palmyra. Sie wurde gefangengenommen und soll den Rest ihres Lebens unter Hausarrest in einer Villa in Rom verbracht haben.
Darauf nahm die Bedeutung Palmyras ab, nach Erdbeben wurde die Stadt verlassen. Rund tausend Jahre lang wurden die altehrwürdigen Bauten vom Sand zugeschüttet und gerieten in Vergessenheit. Heute beeindruckt und berührt das Alter der Ruinen wie kaum eine andere Sehenswürdigkeit in Syrien. Vielleicht auch deshalb stellte Agatha Christie fest: „Heiraten Sie nur einen Archäologen. Je älter Sie werden, desto interessanter findet er Sie.“
2. November 2005
Syrischer Karneval
Jeden 14. August, wenn auf den bis zu 40 Grad heißen Nachmittag der kühlere frühe Abend folgt, setzt sich in dem syrischen Ort Marmarita ein Karnevalszug in Bewegung, der hiesigen Umzügen in nichts nachsteht. In bunten Kostümen werden auf Wägen lustige Szenen nachgestellt: Römer, Amazonen, mexikanische Schönheiten, weniger schöne internationale Politiker und viele andere seltsame Gestalten ziehen durch fröhliche und jubelnde Menschen. Die rund 6000 hauptsächlich griechisch-orthodoxen Christen Marmaritas, die mit diesem Karneval den Abschluss des Fastens vor Mariä Himmelfahrt feiern, erhalten dabei Besuch von Christen aller Konfessionen, aber auch von Muslimen aus dem ganzen Land, die das Spektakel miterleben.
Wir kennen ja noch das Fasten vor Ostern und teilweise vor Weihnachten; einst war es aber vor vielen Feiertagen üblich, so auch 15 Tage vor Mariä Himmelfahrt. Heute fastet noch rund die Hälfte der Bewohner von Marmarita, isst also keine tierischen Produkte, Fisch ist nur an bestimmten Tagen erlaubt. Eine weitere Wurzel dieses im Nahen Osten (in dem ja auch viele christliche Araber leben) absolut einzigartigen Karnevals liegt darin, dass das in der Nähe der märchenhaften Kreuzfahrerburg Krak des Chevaliers liegende Marmarita keine Marienkirche besitzt. Deshalb wanderten die Bewohner in die Marienkirchen der Nachbardörfer, und aus den geselligen kleinen „Prozessionen“ entstand 1963 der erste Karneval, der diesen Sommer seine 30. Auflage erlebte.
Inspiriert wurde der Karneval vor allem durch die Generationen von Syrern, die im Laufe der Jahre nach Südamerika auswanderten und entweder wieder zurückkehrten oder auf Besuch kommen. Der sommerliche Zeitpunkt ist mehr als ungewöhnlich, aber sehr günstig: es ist lange hell und warm, anders als im Februar, und die Leute haben Ferien und damit Zeit.
Andere Dörfer übernahmen den Karneval inzwischen auch, allerdings ist der Karneval von Marmarita so original und nicht zu kopieren wie der Haller Kübel. Als ganzes Festival ist das heitere Treiben umrahmt von Vorträgen und anderen Veranstaltungen, vor allem Konzerten, auf denen die berühmtesten syrischen und libanesischen Pop-Stars (wie etwa George Wasouf und Najwa Karam) auftreten. Vielleicht spielt das nächste Mal auch die Speckbachermusik auf ...
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